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Der Mount Leinster war der höchste Gipfel der kahlen Blackstairs Mountains. Die Madam musste nie überlegen, welchen Weg Leander durch das labyrintisch wirkende Netz der kleinen Straßen steuern sollte. Sie wusste genau Bescheid, sie kannte offenbar jeden Winkel des Landes. Im Stillen zollte ihr Leander seine Hochachtung, wie sie ruhig und entschlossen neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und genau bestimmte, was zu tun und wie es zu tun war. Zuletzt bogen sie auf eine schmale Passstraße, die steil die Bergflanke hinaufführte. Und auf der Passhöhe unterhalb des Gipfels ließ die Madam Leander den Wagen abbremsen und an einem kleinen Parkplatz wenden, sodass er der Wagen gegen den Nachmittag gerichtet anhielt.
"Sie können gerne aussteigen und ein paar Schritte gehen", sagte sie.
Manuel und Leander stiegen gehorsam aus. Sie selbst blieb sitzen, um vom Wagen aus den Blick über das Land zu genießen. Ein kühler starker Wind traf Leander, der ihn frösteln ließ. Er zog die Lederjacke enger um sich und ging über den kleinen Parkplatz auf eine kahle Kuppe zu. Und dort öffnete sich in Panorama, das ihn andächtig stehen ließ. Unter ihm dehnte sich Irland aus mit seinem ganz eigenartigen Muster aus heckenumstandenen Weiden und Feldern. Die Wolken hingen schwer und niedrig und trieben nur knapp über Leanders Kopf dahin, aber die Sonne fand immer wieder Lücken, und ihre Strahlenfinger glitten über das Land und ließen es aufleuchten, als würden göttliche Scheinwerfer darauf gerichtet. Das Land leuchtete im Grün seiner Weiden und Hecken und erlosch wieder im dunklen Grau der Wolkenschatten. Leander hatte schon lange nicht mehr eine so vollkommene Stimmung über einer Landschaft gesehen. Ein Fotoapparat, irgendein Fotoapparat, und wenn es nur eine kleine Autofocus-Knipse wäre, nur für ein einziges Bild von der schimmernden, phosphorisierenden Landschaft, in der jeder gefallene Regentropfen wie ein Diamant funkelte und strahlte. Und er wusste, dieser Moment würde einer von jenen sein, den er nicht mehr vergessen würde, obwohl er, der Fotograf, der Mann der Augenblicke und der Bilder, hunderte, tausende von besonderen Stimmungen gesucht, gesehen und mit seine Bildern dokumentiert hatte. Doch dieser Spätnachmittag war besonders, gerade weil er keine Kamera hatte, und seine Erinnerung alles sein würde, was er von diesem Nachmittag auf dem Mount Leinster behalten würde. Nichts Reales, nichts Handfestes, nichts Unvergängliches würde bleiben von diesem Augenblick.
Leander stand völlig hingerissen. Alles, was heute schief gelaufen war, schien bedeutungslos vor diesen Minuten, die ergreifend und erhebend waren, windig, friedvoll, wunderträchtig, eine Offenbarung von Licht, Weite, Stille, Klarheit, Reinheit. Da verstand er, dass Irland eine Droge war, die alle Rastlosigkeit aufhob, über alle Verluste hinwegtröstete, allen Niederlagen die Schwere nahm, alle Wunden der Seele heilte. Und zum ersten Mal begriff er, wie es sich anfühlte, losgelöst von aller Wirklichkeit durch die Stunden, Tage und Wochen zu treiben wie die Madam und Manuel. Die beiden waren reich, weil sie bereits in diesen traumnahen Zustand eingetreten waren. Er beneidete sie fast darum.
"Schön, nicht wahr", sagte Manuel, der neben ihn getreten war.
"Das Paradies" murmelte Leander.
"Oh nein, das Paradies der Iren liegt draußen im Westen, im Meer. Es sind die heiligen Inseln, die Wunderinseln, die 'Tir na Nog' heißen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Nach diesen Inseln haben sich die Menschen in Irland immer gesehnt, aber nur ein einziger von ihnen hat sie je gefunden und betreten."
"Mir reicht dies hier", murmelte Leander.
Und so stand er im Wind, in der Höhe, im Nachmittagslicht. Es war unwirklich, es war Vollkommenheit, es war ein Wunder, ein Traum. Leander hoffte, dass dieser Zustand nicht mehr enden möge. Dann wäre er gerettet. Dann würde er seinen Frieden finden. Sein Partner Jurko war tot, aber das würde mit jedem Tag nur noch zu mehr und mehr Vergangenheit werden. Padraigh Bridged Maloney würde ihn nichts mehr angehen. Dessen störrische Schwester Ieva würde ihren eigenen Weg gehen und vergessen, dass sie Leander jemals begegnet war. Nichts würde mehr zählen. Den Wind musste man nicht antreiben, die Sonne wanderte in kompromissloser Unabhängigkeit, das Gras wuchs von alleine. Leander stand in milder Ekstase. Er hätte Manuel und der Madam um den Hals fallen können für diesen Moment. Er hatte das Paradies vor Augen, das Paradies. Mehr gab es nicht zu wollen und nicht zu wünschen. |
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